Zeitungsartikel Juni 2020

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Peiner Allgemeine Zeitung, PAZ, Juni 2020


Samstag, 27. Juni 2020

Ausbildungsplatz „zum Mitnehmen“: Drive-In-Börse an der BBS Peine

Ausbildungsplatzbörse in der Corona-Zeit – Speeddating zwischen Arbeitgebern und Bewerbern

Von Nathalie Diana

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Jetzt anmelden: Die Berufsbildenden Schulen (BBS) des Landkreises Peine in Vöhrum bieten eine Drive-In-Ausbildungsplatzbörse an.foto: Archiv

Vöhrum. Der große Parkplatz der Berufsbildenden Schule Peine verwandelt sich am Donnerstag, 9. Juli, in eine Drive-In-Ausbildungsplatzbörse. Von 17.30 bis 19.30 Uhr können Besucher verschiedene Ausbildungsbetriebe aus der Region kennenlernen. Wegen der Corona-Pandemie kann die Börse nicht wie gewohnt in den Räumen der Berufsschule stattfinden. Gemeinsam mit dem Landkreis Peine haben sich die Lehrer etwas besonderes ausgedacht: Ausbilder präsentieren sich in ihren Firmenwagen, damit Sicherheitsabstände gewährleistet werden können. Ab sofort können sich alle interessierten Schüler, aber auch Firmen zur Veranstaltung anmelden.

„Wie auch in den letzten Jahren stellen sich Betriebe aus den Bereichen Handwerk, Industrie, Handel und Pflege vor“, erklärt Andreas Brunken, Lehrer der Fachschule Betriebswirtschaft und Koordinator. Der Parkplatz an der BBS sei relativ groß. „Für maximal 50 Aussteller und 50 Bewerber ist hier gleichzeitig Platz“, sagt Brunken. Jedem Firmenwagen werden eine Parkbucht zugewiesen. „Bewerber parken im Abstand von 1,5 Metern daneben, sodass die Fahrbahn frei bleibt – für die Bewerbungsgespräche dürfen sie aussteigen“, so erläutert Brunken das Drive-In-Prinzip. Markierungen weisen darauf hin, dass Sicherheitsabstände eingehalten werden müssen.

„Das Konzept ist eine Notlösung“, sagt Brunken. Auch zu Corona-Zeiten sei die Berufsorientierung wichtig. „Viele sind gerade noch orientierungslos, deswegen wollten wir noch vor den Sommerferien und Bewerbungsfristen eine Börse starten“, schildert Brunken. Trotz der gegebenen Einschränkungen, würden Jugendliche Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern erhalten. Regionale Ausbildungsbetriebe wiederum erhalten die Gelegenheit ihre offenen Stellen zu besetzen.

Mit wenig Aufwand können sich Handwerksbetriebe, Altenpflegeheime, Zahnarztpraxen, oder Logistikunternehmen präsentieren. „Alles, was sie brauchen ist ein Firmenwagen“, sagt Brunken. Besucher können auch ohne Auto teilnehmen: Bewerber, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommen, müssen sich vorher zwingend anmelden und Mundschutz tragen. In Begleitung werden sie zu den Bewerberparkplätzen geführt. Alle Besucher werden an der Einfahrt auf dem Gelände der BBS Peine kontrolliert.

„Auch wenn das Speeddating zwischen Bewerbern und Unternehmen dieses Jahr anders läuft, freuen wir uns auf viele Besucher“, sagt Brunken. Er empfiehlt jedem Teilnehmer, Bewerbungsunterlagen vorzubereiten und mitzubringen. „Mitarbeiter von der Arbeitsagentur bieten wieder den Bewerbungsmappen-Check an“, darauf weist Brunken hin. Träger der von der BBS Peine koordinierten Börse ist der Landkreis Peine – Wito GmbH, Agentur für Arbeit und Jobcenter unterstützen. Die Anmeldung zur Veranstaltung erfolgt online über die Homepages vom Landkreis Peine oder der BBS Peine. Weitere Informationen erhalten Interessierte nach ihrer Anmeldung

Freitag, 19. Juni 2020

Diebe stehlen Fahrrad

Vöhrum. Diebe haben am Dienstag zwischen 6.40 und 15.45 Uhr ein Trekking-Rad der Marke Pegasus gestohlen, das angeschlossen am Vöhrumer Bahnhof abgestellt gewesen ist. Angegeben wird der Wert des Fahrrads mit 600 Euro. Hinweise nimmt die Polizei Peine unter Tel. (0 51 71) 99 90 entgegen.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Vöhrumhaus No.5 sagt Konzerte ab

Vöhrum. Das Konzertwochenende im Vöhrumhaus No.5 wird aufrgrund der aktuellen Lage abgesagt. Betroffen davon ist das Konzert am Samstag, 20. Juni, mit den Stipendiaten der Yehudi Menuhin-Stiftung aus Hannover, Carlo Lay am Cello und Christina Stuart am Klavier, sowie das Konzert „Junge Musiker aus dem Jerichower Land“ am Sonntag, 21. Juni. Das Vöhrumhaus No.5 lädt zum Konzertwochenende am 10. und 11. Oktober wieder ein.

Dienstag, 16. Juni 2020

Vöhrum: Friedpark auf dem

alten Friedhof geplant

Ab kommendem Jahr will die evangelische Kirchengemeinde Baumbestattungen anbieten – Letzte Beisetzung war 1969

Von Michael Lieb

Alter Friedhof in Vöhrum: Hier soll ein Friedpark entstehen, Pastor Dirk Hölterhoff stellte jetzt die Pläne vor.foto: Michael Lieb

Vöhrum. Die 100 Jahre alten Kastanien überragen mittlerweile sämtliche Hausdächer im Ortskern. Dem alten Friedhof in Vöhrum verleihen sie seine imposante Wirkung. Nur einige wenige Grabsteine stehen hier noch, 1969 fand die letzte Beisetzung statt – seitdem ist der Friedhof verschlossen und für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Doch das soll sich jetzt ändern: Die evangelische Kirchengemeinde plant auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände einen Friedpark und will dort voraussichtlich ab Mai kommenden Jahres Baumbestattungen anbieten.

„Das ist wirklich ein ganz besonderer Ort“, sagt Pastor Dirk Hölterhoff und blickt zur Krone einer der mächtigen Kastanien. Über Jahre sei die „Nachnutzung“ des alten Friedhofs Thema im Kirchenvorstand gewesen, auch wegen der laufenden Kosten für die Grundstückspflege, die er auf rund 3000 Euro im Jahr beziffert. Und so sei gemeinsam mit dem Friedhofsausschuss die Idee für den Friedpark entstanden und vorangetrieben worden, berichtet der 64-Jährige.

Geplant ist, den naturbelassenen Charakter des alten Friedhofs soweit wie möglich zu erhalten, inklusive der großen Bäume, solange sie noch gesund und standhaft sind. „Mit 100 Jahren haben Kastanien meist ihre Lebenserwartung erreicht, aber die hier sehen noch gut aus und können es vielleicht noch 15 Jahre schaffen“, sagt Hölterhoff. Drei der alten Bäume sind allerdings jetzt schon morsch und müssen gefällt werden, dafür sollen 20 neue Kastanien gepflanzt werden, und eine Buchenhecke um das Gelände herum.

Darüber hinaus ist ein neuer Eingang am Backhausweg vorgesehen. Von dort aus soll ein Weg in Mitte des Friedparks führen, wo wiederum ein kleiner Platz geplant ist, etwa sechs Meter im Durchmesser mit Sitzbänken, umrandet von einem Blühstreifen. Blickfang des Platzes soll ein Kreuz aus Sandstein werden, das derzeit noch an anderer Stelle auf dem Friedhof steht. Hölterhoff rechnet damit, dass der Friedpark im Mai 2021 eingeweiht werden kann und ab dann auch Urnenbestattungen dort stattfinden können. Die Umsetzung des Projekts kostet eine „höhere fünfstellige Summe“, die die Kirchengemeinde aber nicht allein stemmen muss. Im Rahmen der Dorfentwicklung „Kanal-Fuhse-Region-West“ gibt es Fördergeld vom Amt für regionale Landesentwicklung. „Ein entsprechender Zuwendungsbescheid liegt bereits vor“, freut sich Hölterhoff. Damit bekommt die Kirchengemeinde bis zu 45 Prozent der Kosten gefördert.

Dass das Projekt Friedpark überhaupt umgesetzt kann, ist auch der örtlichen Realgemeinde zu verdanken. Dieser gehört etwa die Hälfte des Grundstücks und die hat sie der Kirchengemeinde nun zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug übernimmt die Kirchengemeinde die Pflege des Grundstücks.

Entscheidend sei letztlich auch gewesen, dass der Friedhof noch als solcher gewidmet ist – obwohl es 51 Jahre lang keine Bestattung gab, sagt Hölterhoff. Und Baumbestattungen sind auf dem neuen Friedhof, der schräg gegenüber an der Schwicheldter Straße liegt, nicht vorgesehen – werden aber eben immer gefragter. „Die Baumbestattung folgt dem Gedanken des ewigen Kreislaufes der Natur und ist heute für viele Menschen ein reizvoller, tröstlicher Gedanke. Wir stellen uns mit dem Friedpark auf das Bedürfnis der Menschen nach naturnaher, pflegefreier Bestattung ein und gehen davon aus, dass der Friedpark gut angenommen wird“, so der Pastor.

Freitag, 12. Juni 2020

Verband fördert Modernisierungen an Bahnhöfen

Peine und Vöhrum sind im Programm zur Verbesserung des Bahnhofs- und Haltestellenumfelds

Von Jan Tiemann

Der Peiner Bahnhof.foto: Archiv

Kreis Peine. Elf Bahnhöfe und zwei Regio-Bus-Haltestellen sind in das Förderprogramm zur Verbesserung des Bahnhofs-/Haltestellenumfelds aufgenommen worden. „Dort sind im Landkreis Peine auch die Bahnhöfe Peine und Vöhrum aufgeführt“, berichtet der Lengeder Michael Kramer (CDU) aus dem Verkehrsausschuss des Regionalverbandes Großraum Braunschweig (RGB).

Als Beispiel nannte der verkehrspolitische Sprecher der CDU eine Neuordnung der Fahrrad-Stellplätze beiderseits der Gleisanlagen am Peiner Bahnhof und „Maßnahmen zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und städtebaulichen Aufwertung“, etwa mehr Beleuchtung und mehr Blumen. Für Vöhrum werden Umbauten für barrierefreie Bushaltestellen vorgeschlagen sowie Verbesserungen bei den Fahrrad- und Autostellplätzen. Es könnte Wartezonen und Erweiterungen südlich der Bahn geben.

„Für die Detailplanung der Maßnahmen ist die Peiner Stadtverwaltung verantwortlich, doch der RGB ist behilflich“, erklärt Kramer. Die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) prüft und fördert die Kosten mit 75 Prozent, die Kommune müsste 25 Prozent Eigenanteil übernehmen, rechnet er. Doch auch dort gebe es einen Zuschuss von 12,5 Prozent vom Großraum Braunschweig, sodass ein Anteil von 12,5 Prozent an den Investitionskosten bei der Stadt verbleibe. „Zusätzlich hat der Verband ein eigenes Förderprogramm aufgelegt, das über die Finanzierung grundlegender Maßnahmen hinausgeht“, informiert der Verkehrsexperte.

Mit jährlich 1,5 Millionen Euro bis 2026 sollen barrierefreie Fahrgastinformationen gefördert werden. Dies befürwortete der Verkehrsausschuss einstimmig. Dazu gehören digitale Kleinbildschirme, mit von denen auch Sehbehinderte akustische Informationen erhalten können. Außerdem wird der RGB Mitglied im Deutschlandtarif-Verbund, um zu einer gebietsüberschreitenden Vereinheitlichung von ÖPNV-Tarifen beizutragen.

„Die Verkehrsregion Wolfsburg-Braunschweig-Salzgitter ist auch Wissenschafts- und Forschungsregion“, betont Kramer. So habe der RGB auch die Verkehrsentwicklungsplanung als eine neue Aufgabe übertragen bekommen. Ein Konzept für den Bereich Güterverkehr soll dazu von der Uni Braunschweig erarbeitet werden. Profitieren könnten davon, neben den Verkehrsplanern der Kommunen, auch die zahlreichen Industrie- und Logistikbetriebe in Peine, Lengede und Wendeburg. An der Forschungszusammenarbeit beteilige sich der RGB mit einer Fördersumme von 150 000 Euro.

Auf Kramers Nachfrage bestätigte die RGB-Verwaltung, dass bei den geschätzten Investitionskosten von rund 19,5 Millionen Euro für die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Braunschweig und Harvesse keine Investitionskostenanteile an den Gleiseigentümer VW sowie eventuelle Streckennutzungsgebühren berücksichtigt worden sind. „Ein Wermutstropfen, denn dies könnte sich im Rahmen der neuen Wirtschaftlichkeitsberechnung negativ auswirken“, erläutert der Lengeder.

Samstag, 6. Juni 2020

Panzer auf dem Sportplatz – und Schulspeisung für arme Kinder

Wie der Krieg im Peiner Land zu Ende ging, ist bekannt. Aber was kam dann?

Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, in Archiven geforscht und die wenigen

Fotos aus einer Zeit ohne Kameras gesammelt. In einer achtteiligen Serie

erzählen wir Ihnen vom Sommer nach dem Krieg. Heute in Teil zwei: Vöhrum.

Von Thomas Kröger

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Foto aus der noch nicht eröffneten Ausstellung „1945: Kriegsende und Neuanfang“ in der Vöhrumer Heimatstube: Essensausgabe für amerikanische Soldaten vor der damaligen Gaststätte Denecke (li.). Adolf Cordes (u.), heute 83 Jahre alt, erinnert sich gut an die damalige Zeit – auch dank seiner Aufzeichnungen.

Vöhrum. Es war eine amerikanische Zeit – die Besatzer aus Übersee jedenfalls prägen die Erinnerungen von Adolf Cordes aus Vöhrum an die Monate nach Kriegsende. „Ich war damals neun Jahre alt und weiß noch genau, wie glücklich wir über das Ende des Nationalsozialismus waren“, sagt der heute 83-Jährige über den Sommer 1945. „Es war trotzdem eine harte Zeit, denn da mein Vater 1938 gestorben war, musste meine Mutter mich und meine zwei Geschwister alleine durchbringen.“

Und dann waren da die Amerikaner. Etwa 200 amerikanischen Soldaten seien damals nach der Befreiung mit einer „scheinbar endlosen Wagen- und Panzerkolonne“ durch Vöhrum gefahren und hätten dann auf dem Sportplatz Halt gemacht. „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Schwarzen gesehen habe“, so der Vöhrumer.

Rund um den Sportplatz hätten die Amerikaner die umliegenden Häuser evakuiert und selbst bezogen. „Das war eine seltsame Situation – die Bewohner mussten ihre Häuser räumen und bei Verwandten oder Freunden unterkommen“, sagt Cordes. Die rund 50 Militärfahrzeuge hätten alle auf dem Sportplatz geparkt. Die US-Soldaten seien sehr nett gewesen, vor allem zu den Kindern des Dorfes. „Wir haben Eier gegen Kaugummi oder Schokolade getauscht, das hat herrlich geschmeckt!“ Kommuniziert habe man radebrechend auf Englisch und Deutsch.

Die Amerikaner hätten sehr schnell alle deutschen Waffen, Telefone, Radios und Fotoapparate beschlagnahmt und verbrannt. Nach etwa zwei Monaten sei die US-Armee wieder abgezogen und in Richtung Süddeutschland verschwunden, „denn dann gehörten wir zur britischen Besatzungszone“. Von englischen Soldaten habe man aber in Vöhrum nichts mitbekommen, „die waren wahrscheinlich nur in der Peiner Innenstadt und nicht in den Ortschaften“.

Cordes’ Mutter arbeitete hart, um ihre Kinder und sich selbst über Wasser zu halten. „Sie hat für wenig Geld Wäsche für die Amerikaner gewaschen, Blumenkränze für Beerdigungen und Feiern gebunden und selbst Schafswolle gesponnen, um uns daraus Strümpfe und Pullis zu stricken“, schildert der Senior. Die Strümpfe hätten schrecklich gekratzt – daran kann er sich noch heute gut erinnern und verzieht das Gesicht.

Gewohnt hat die Familie gemeinsam mit Verwandten in einem Haus am Hainwaldweg. „Es war trotz der Armut eine tolle Kindheit, denn wir hatten ganz viele Freiheiten und konnten machen, was wir wollen“, so der 83-Jährige rückblickend. Noch heute isst er gern Eintöpfe (vor allem mit Steckrüben und Möhren), die damals jeden Tag auf den Tisch kamen. Von Speck oder Bauchfleisch als Einlage natürlich keine Spur: Für die Kraft in der Brühe mussten Schweineohren und auch Schweinepfoten reichen, „denn weggeworfen wurde nichts“. Nur samstags habe auch mal selbsterlegter Hase auf dem Speiseplan gestanden – die Reste davon gab es dann oft am Sonntag.

Auch die Schule an der Kirchvordener Straße habe schnell wieder nach dem Krieg begonnen, „doch die bekannten Nazi-Lehrer durften keinen Politikunterricht mehr geben“. Neue Pädagogen seien gekommen und hätten die Schüler unterrichtet. „Trotz der schrecklichen Geschehnisse wurde aber in der Schule nicht über die NS-Zeit gesprochen. Darüber hat man größtenteils geschwiegen“, bedauert Adolf Cordes. Er selbst hat in Vöhrum den Volksschulabschluss gemacht und dann Jahrzehnte bei der Eisenbahn gearbeitet.

In seiner Klasse habe es damals etwa 40 Kinder gegeben, wobei Jungs und Mädchen immer getrennt voneinander sitzen mussten. „Als provisorischer Schulraum war der Saal in der damaligen Gastwirtschaft Denecke – der heutigen Einhorn-Apotheke – eingerichtet“, sagt Cordes. In jedem Schulraum stand ein großer Bullerofen, der während der Stunden von einem Schüler versorgt werden musste. Schreibpapier und Schreibutensilien waren kaum vorhanden. „Es musste immer improvisiert werden“, erinnert sich der 83-Jährige.

Das galt auch für die Verpflegung der Schulkinder. Auf Initiative der Amerikaner habe es aber ab Frühjahr 1945 für bedürftige Schulkinder die so genannte Schulspeisung gegeben. „Das war überwiegend eine dicke Milchsuppe mit Rosinen, die auf dem Schulhof an der Pumpe aus großen Kannen an die Schüler ausgegeben wurde“, erklärt der Vöhrumer.

Ein großes Problem sei 1945 die Aufnahme der Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen gewesen. „Das gab großen Ärger, denn viele alteingesessene Vöhrumer haben sich mächtig gewehrt, Flüchtlinge aufzunehmen“, erinnert sich Cordes. „Da konnte man von christlicher Nächstenliebe nur wenig spüren.“

Schließlich habe dann eine Kommission bestimmt, wer wie viele Flüchtlinge in seinem Haus oder in seiner Wohnung aufnehmen muss. „Die Flüchtlingswelle vor ein paar Jahren hat mich sehr an diese Zeit erinnert. Auch damals hieß es oft: Achtung, die Flüchtlinge klauen und stehlen einem die Wäsche von der Leine.“ Die Vorurteile der Menschen hätten sich leider im Laufe der Zeit nicht geändert.

Trotzdem habe die Aufnahme der Neubürger nach dem Weltkrieg irgendwie geklappt – und zugleich komplett das Gesicht Vöhrums verändert. „War Vöhrum vorher ein reines Bauerndorf mit 2500 Einwohnern, kamen nun 1000 Flüchtlinge dazu.“ Zunächst schien das auch alles nicht sonderlich gut zusammenzupassen – die Flüchtlinge gehörten größtenteils der katholischen Kirche an, und die Vöhrumer waren durchgehend Protestanten. Doch das habe glücklicherweise zu keinen ernsthaften Auseinandersetzungen geführt, mit der Zeit arrangierte man sich miteinander.

Und trotz aller Probleme im Alltag hätten die Flüchtlinge Vöhrum auch Gutes gebracht. Denn einige von ihnen kamen aus Großstädten und hatten schon etwas mehr erlebt als damalige Dorfbewohner. „Sie haben den geistigen Horizont unseres Dorfes deutlich erweitert“, meint Cordes.

Für ihn seien die Erinnerungen an den Sommer nach dem Krieg unterm Strich positive: „Für mich als neunjähriger Junge war das ein großes Abenteuer, und wir waren ständig mit vielen Kindern im Dorf unterwegs.“ Natürlich sei es schrecklich gewesen, die Spuren des Krieges zu sehen – bis hin zu den Leichen der Soldaten. Aber das Leben des jungen Alfred bestand damals in der Hauptsache darin, Kühe zu hüten, Kartoffelkäfer zu sammeln und Schafgarbe zu suchen, aus der Tee gekocht wurde. So verdiente der Junge ein wenig Geld nebenbei, um seine Mutter zu entlasten. „Das klingt jetzt seltsam, aber es war eine schöne Zeit.“

Ortsheimatpfleger: „Mir fehlen oftmals die Fakten“

Werner Brandes kritisiert die fehlende Aufarbeitung der Nazi- und der Nachkriegszeit im größten Peiner Ortsteil

Der Vöhrumer Ortsheimatpfleger Werner Brandes.

Vöhrums Ortsheimatpfleger Werner Brandes hat gern ein komplettes Bild. Von der Nachkriegszeit in seinem Dorf hat er das nicht – die Aufarbeitung jener Zeit lasse doch sehr zu wünschen übrig, meint der 71-Jährige: „Mir fehlen oftmals die Fakten, es sind noch viele Fragen offen, und daher bohre ich immer wieder gezielt nach.“ Man habe – wie in vielen anderen Orten auch – den Nationalsozialismus nicht genügend thematisiert. Er habe seit 1954 die Schule vor Ort besucht, aber im Unterricht sei niemals über die Nazizeit gesprochen worden.

Brandes wurde am 1. Oktober 1948 in Vöhrum an der Ziegelei geboren. Nach rund vier Jahren kam der Umzug an die Gartenstraße. Dort wuchs Werner im Drei-Generationen-Haus mit seinen drei jüngeren Schwestern, Eltern und Großeltern auf. „Ich selbst habe das Jahr 1945 ja nicht miterlebt, aber ich habe mit vielen Vöhrumer Zeitzeugen gesprochen und jetzt eine Ausstellung zu den Nachkriegsjahren zusammengestellt“, sagt der Heimatpfleger.

Wenn es Corona wieder zulässt, will er die Präsentation „1945: Kriegsende und Neuanfang“ in der Vöhrumer Heimatstube zeigen. Sie belegt das gesamte Dachgeschoss im Bürgerhaus „Alte Pfarrei“ an der Kirchvordener Straße und ist mit einem Aufzug barrierefrei erreichbar. „Wir wollen dort den Mitbürgern die lokale Geschichte mit über 2000 authentischen, historischen Objekten anschaulich näherbringen und erhalten“, erklärt der 71-Jährige.

Ihm ist es wichtig, möglichst viel über diese dunkle Zeit zusammenzutragen, die noch viele Jahre nach Kriegsende ein Tabuthema war. Umso wichtiger sei es jetzt, Licht ins Dunkel zu bringen, bevor auch die letzten Zeitzeugen gestorben sind. Bezüglich der amerikanischen Soldaten in Vöhrum weiß Brandes zum Beispiel, dass damals ein unbekanntes Flugzeug nahe dem Sportplatz gelandet ist. „Es war ein deutsches Flugzeug, dessen deutsche Zeichen überklebt worden waren.“ Der Pilot habe mit der US-Führung gesprochen und sei dann wieder abgeflogen. Der Grund dieses ungewöhnlichen Fluges sei weiterhin unbekannt.

Unklar sei auch, wann genau die Briten die politische Führung in Vöhrum von den Amerikanern übernommen haben, was mit den Nazi-Verantwortlichen passiert ist und wie zum Beispiel die Flüchtlingskommission bestimmt wurde. „Klar ist, dass die Flüchtlingsverteilung für großen Ärger gesorgt hat. Als sehr ungerecht haben es die Vöhrumer empfunden, dass fast keine Flüchtlinge in der Peiner Innenstadt verteilt wurden, sondern diese zum Großteil in den Ortschaften unterkommen mussten“, so der 71-Jährige. Natürlich habe es in Peine weniger Lebensmittel als im dörflichen Vöhrum gegeben, aber ob das der Grund für Verteilung war, sei unklar. „Das System für die damalige Zwangseinweisung ist nicht bekannt“.

Seine Familie etwa habe nach dem Krieg mit 14 Personen im Haus an der Gartenstraße gewohnt. „Die Kommission hat dann bestimmt, dass wir zwei Flüchtlingsfamilien mit fünf Leuten aufnehmen müssen. Erklärungen gab es dazu nicht“, weiß Brandes. Die Flüchtlinge seien etwa vier Jahre geblieben. Man habe sich gut verstanden, aber die Kriterien für die Anweisungen seien unbekannt.

„Wenn man mit Zeitzeugen spricht, sagen sie oft, dass es nach dem Krieg eigentlich eine schöne Zeit war“, sagt Brandes. Aber der Mensch neige dazu, Dinge zu verklären und die schlechten Erinnerungen zu verdrängen. „Deswegen muss man mit diesen Aussagen sehr vorsichtig umgehen.“

Verband schlägt Fahrrad-Boxen und mehr Parkplätze an Bahnhöfen vor

Im Verkehrs-Ausschuss des Regionalverbands geht es um Modernisierungen in Peine und Vöhrum

Von Christian Meyer

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Ein Zug der Westfalenbahn fährt in den Peiner Bahnhof ein. Damit künftig mehr Pendler mit dem Rad zum Bahnhof fahren, schlagen Politiker und der Regionalverband den Bau von abschließbaren Fahrradboxen vor.foto: Archiv

Peine. Wenn am Mittwoch, 10. Juni, der Verkehrsausschuss des Regionalverbands Großraum Braunschweig (RGB) tagt, stehen auch Vorschläge für eine Modernisierung der Bahnhöfe in Peine und Vöhrum auf der Tagesordnung. Es geht zum Beispiel um abschließbare Fahrrad-Boxen, mehr Auto-Parkplätze für Pendler und digitale Fahrplan-Aushänge.

„Seit Jahren ist der Regionalverband dabei, das Umfeld von Bus- und Bahnstationen zu verbessern. Dazu wurden alle Haltestellen und Bahnhöfe umfangreich analysiert, Vor- und Nachteile aufgelistet, eine Foto-Dokumentation erstellt, Pläne und Vorschläge zu Umgestaltungen erarbeitet und in einer Broschüre zusammen gefasst“, erläutert der Lengeder Michael Kramer, der nicht nur verkehrspolitischer Sprecher der CDU, sondern auch stellvertretender Vorsitzender des Regionalverbands ist.

Für den Peiner Bahnhof sei eine Neuordnung der Fahrrad-Stellplätze beiderseits der Gleisanlagen geplant. Diese Bike-and-Ride-Station könnte dann auch abschließbare, überdachte Fahrradboxen erhalten, wie die SPD-Grüne-Mehrheitsgruppe im Peiner Rat sie sich im März gewünscht hatte. Um mindestens 50 Einstellplätze ging es seinerzeit. An den Bahnhöfen in der Gemeinde Lengede gibt es so eine moderne und überdachte Station bereits. „Und die Nachfrage danach ist recht groß, die Plätze sind gut belegt“, weiß Verbands-Vize Kramer. Die Peiner Grünen-Ratsfrau Elke Kentner betont daher ebenfalls: „So etwas wünschen wir uns für den Bahnhof in Peine auch, vorzugsweise auf der Nordseite. Das wäre deutlich komfortabler als die jetzige Situation.“

Zudem würden für den Peiner Bahnhof „Maßnahmen zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und städtebaulichen Aufwertung“ vorgeschlagen, merkt Verkehrsexperte Kramer an. Konkret könnte das heißen: mehr Beleuchtung, mehr Blumen. Denn das Ziel ist klar: „Wir wollen den Öffentlichen Personennahverkehr attraktiver gestalten“, betont Kramer.

In Vöhrum werden dagegen Umbauten für barrierefreie Bushaltestellen vorgeschlagen sowie Verbesserungen bei den Fahrrad- und Autostellplätzen. Es könnte Wartezonen und Erweiterungen südlich der Bahn geben. Michael Kramer würde es sich wünschen: „Als ich in Vöhrum war, war dort der Bär los und kein freier Parkplatz zu kriegen“, merkt er an.

Nun ist allerdings spannend, ob sich die Kommunen trotz üppig in Aussicht gestellter Fördergelder angesichts der Corona-Krise und Umsatzsteuer-Ausfällen Modernisierungen im vorgeschlagenen Rahmen überhaupt noch leisten können.

Wann fährt der Zug? Wo hält der Bus unterwegs noch? Nicht nur in Peine und Vöhrum, sondern an allen ÖPNV-Haltestellen sollen sich Bus- und Bahn-Kunden in den kommenden Jahren digital darüber informieren können. Die Haltestellen sollen bis 2026 mit digitalen Fahrplan-Aushängen ausgestattet werden. Dort kann man nicht nur wie auf dem Tablet oder Smartphone Infos mit der Hand aufrufen, sie können auch akustisch angesagt werden. Das kommt zum Beispiel Sehbehinderten zugute. „Bis 2026 sollen dafür sogar jährlich rund 1,5 Millionen Euro eingesetzt werden“, informiert Kramer.

Gespannt ist der Peiner Verkehrs-Experte, ob es klappt, dass ab 2022 auch häufiger Züge auf der Strecke Braunschweig-Lengede/Broi-stedt-Woltwiesche-Hildesheim fahren. Das Fahrgast-Potenzial auf dieser Strecke soll zumindest bis 2022 überprüft werden. „Dabei wird untersucht, ob ein Halbstunden-Takt des erfolgreichen Enno-Zuges eingeführt werden kann“, erläutert Kramer. Er hält es für realistisch, „dass das zumindest für die Hauptverkehrszeiten zwischen 7 und 9 Uhr und 16 bis 18 Uhr klappen kann“. Die Nutzerfrequenz spiele dabei eine entscheidende Rolle.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Eixer Schützenfest fällt aus

Eixe. Das für den 21. bis 23. August geplante Eixer Schützenfest fällt wegen der Corona-Krise aus.