Restaurierung des ältesten Hauses in Vöhrum – Teil 1

Von Dr. Max Zirngast

In diesem Artikel lesen Sie den Bericht über die Restaurierung des Zweiständerhauses  von 1668 in der Kirchvordener Str. 49, Vöhrum. Der Bericht ist in zwei Teile gefasst. Dr. Max Zirngast hat mit seinem handwerklichen Talent des Verfalls des ältesten Hauses  verhindert. Vor der Sanierung zu einem Wohnhaus diente das Gebäude zwischenzeitlich auch als katholisches Gotteshaus. Alle Bilder: © Dr. Max Zirngast

Teil 1: Wohnbereich (April 1981 bis August 1983)

Restaurierung des ältesten Hauses in Vöhrum

Vorbemerkung
Anfang 1981 trat der Verfasser eine neue Stelle in Hannover an. Davor arbeitete und lebte er vier Jahre lang mit seiner Frau und zwei Söhnen am Linken Niederrhein in der Nähe von Krefeld. In dieser Zeit wurde ein älteres Siedlungshaus erworben und von Grund auf renoviert. Da die Ehefrau aus beruflichen Gründen mit den beiden noch kleinen Kindern erst ein Jahr später nachkommen konnte, sollte ein günstiges renovierungsbedürftiges Wohnobjekt gesucht werden, das der Verfasser in dieser Zeit mit dem beim ersten Haus erworbenen handwerklichen Können bezugsfertig herrichten wollte.

Da es sich um eine große Anzahl Bilder handelt sind diese in mehrere Fotogalerien unterteilt

Abb. 01: Zeitungsbericht der PAZ (1981 oder 1982 ?)
Abb. 02: Rückseite des Hauses mit Garten

Dr. Gerhard Best, ein Kollege und Freund, hatte sich vor einigen Jahren in Vöhrum ein altes Vierständerhaus gekauft und liebevoll renoviert (siehe Ortschronik S. 174, PDF 13) und sich dadurch zu einem Fachwerkfreund entwickelt, der den Verfall alter Bausubstanz in Vöhrum aufzuhalten versuchte. Besonders der Erhalt des vom Verfall bedrohten Zweiständerhauses Kirchvordener Str. 49 (Baujahr 1668), in dem in den 50Jahren kurzzeitig die katholische Kirche untergebracht war, lag ihm am Herzen. Er machte den Verfasser auf das unter Denkmalschutz stehende Gebäude, für das auch die Stadt Peine einen Käufer suchte (Abb. 01), aufmerksam. Die zentrale Lage, das große Grundstück (Abb. 02) und die beeindruckende Dimension des Bauwerkes (Abb. 03 – 07) begeisterten den Verfasser und seine Familie, wobei nur eine verschwommene Vorstellung über den Sanierungsaufwand vorhanden war.
Abb. 03, links: Hausansicht von Süden

Abb. 04, mitte: Eingang an der Ostseite

Abb. 05, rechts: Südseite des Hauses

Da das Haus am linken Niederrhein noch ein Jahr benötigt wurde, waren die Geldmittel nur begrenzt vorhanden und langten nicht für den sofortigen Kauf. Durch das großzügige Entgegenkommen der Eigentümerin, die den Beginn der Sanierungsarbeiten sofort erlaubte und damit einverstanden war, dass die Bezahlung erst ein Jahr später nach erfolgten Verkauf des Hauses am Linken Niederrhein erfolgen sollte, konnte der Verfasser im Sommer 1982 mit den Sanierungsarbeiten beginnen.

Zustand des Hauses
Im Laufe der Jahrhunderte war der Boden um das Haus durch die Ansammlung von Schutt und Abfall um ca. 40cm erhöht, sodass die Fachwerkschwellen im Erdreich lagen und dementsprechend stark vermodert waren. Überraschenderweise lagen die Schwellen direkt auf dem Erdreich und nicht wie sonst üblich auf Sandsteinquadern oder Feldsteinen. Lediglich unter der Nordostecke befand sich ein Findling mit einem Durchmesser von ca. 70 cm. Die fehlenden Steinfundamente hatten zur Folge, dass nicht nur Schwellen, sondern auch die auf ihnen stehenden Ständerfüße des Außenfachwerks unterschiedlich stark verfault waren, was eine Schiefstellung der Wände zur Folge hatte. Besonders deutlich war dies bei der Giebelwand des Wohnteils zu sehen, wo die Ständer im Westteil ca. 60 cm kürzer waren als im Ostteil. Im östlichen unteren Bereich der Giebelwand war das Originalfachwerk nachträglich durch das Fachwerk eines anderen Hauses ersetzt worden (Abb. 07).

Abb. 07: Nördlicher Giebel mit hausfremdem Fachwerk
Abb. 08: Längsschnitt des Hauses
Abb. : Restauriertes Haus von Dr. Best

In den Fächern der Außenwände war der ursprüngliche Lehmschlag durch unterschiedliche Materialien ersetzt worden. Hauptsächlich waren die Fächer mit Ziegelsteinen ausgemauert worden. Einige ältere Fächer enthielten Lehmziegel. Jüngere Ausfüllungen bestanden aus Betonplatten. Im Innenbereich fehlten die Schwellen ganz, sodass die Ständerpaare, auf denen die Deckenbalken aufliegen, unterschiedlich stark abgesackt waren, was zu einer Schiefstellung der Decken geführt hatte. Die beiden gewaltigen Luchtbalken (Querschnitt: 25cm x 50cm, Länge: 6 m), die im Flett des Wohnteils zwei Deckenbalken und das Dach abfangen (Abb.08), waren nachträglich untermauert oder mit Balken unterstützt worden. Der Boden im Flett bestand aus Lehm. Die Fächer im Wohnbereich waren größtenteils noch Originallehmschlag (Abb. 09 – 11).
Abb. 09, links: Westseite des Fletts
Abb. 10, mitte: Ostseite des Fletts
Abb. 11, rechts: Lehmschlag über dem Luchtbalken

Die Zimmer zwischen Flett und Giebelwand waren in etwas besseren Zustand als das Flett, da sie in den 40er und 50er Jahren noch genutzt wurden und zwar zuerst durch den Bund deutscher Mädel (BDM) und Hitlerjugend (HJ) und später dann durch Flüchtlinge, die die beiden unteren östlichen Zimmer und die beiden Zimmer im Obergeschoss bewohnten (Abb. 12 und 13). Im Bereich des westlichen Zimmers war nachträglich ein ca. 1,5 m tiefer Kriechkeller ausgehoben worden, zu dessen Begehbarkeit die Decke angehoben war. Das Zimmer darüber war durch die auf Abb.09 erkennbare kurze Treppe erreichbar. Diese Änderungen waren aus Weichholz handwerklich schlecht ausgeführt worden und daher war dieser Bereich nicht begehbar. Außer den Deckenbalken über den Zimmern im Erdgeschoss bestanden das gesamte Fachwerk und die Deckenbalken aus Eiche.
Abb. 12, links: Mittleres Zimmer hinter dem Nordgiebel
Abb. 13, mitte: Östliches Zimmer hinter dem Nordgiebel
Abb. 14, rechts: Querschnitt im Bereich der Diele

Der Dielenbereich (Stallteil) war bei der Umnutzung zur Kirche 1948 stark verändert worden. Man trennte den Wohnbereich von der Diele durch eine Ziegelsteinwand. Der ursprünglich vorhandene Vorschauer (siehe Ortschronik S. 53, PDF 5 und Ortschronik S. 164, PDF 13) wurde abgerissen und der Eingang in die Mitte der Giebelwand verlegt, wobei leider auch der Torbalken entfernt wurde. Um einen möglichst offenen Kirchenraum zu erhalten, wurden alle Riegel zwischen den Ständern und von den Ständern zu den Außenwänden entfernt (Abb. 08 und 14). Das hatte zur Folge, dass die Außenwände der Küppung nur noch durch die Aufschieblinge (Abb. 14) gehalten wurden und dadurch nach außen kippten. Da durch diese Veränderungen die Stabilität des Dielenteils des Hauses geschwächt war, hatte man das gewaltige Dach mit zwei soliden Spannwerken aus Holz und Rundeisen sowie dem Einbau von Mittelpfetten verstärkt, wodurch das Sparrendach notdürftig gehalten wurde (siehe Teil 2). Das war notwendig geworden, weil die Fußpfetten unter den Sparren z.T. gebrochen und von den Deckenbalken heruntergerutscht waren, da einige Sparrenenden und Deckenbalkenenden abgefault waren. Die Decke der Diele war mit Heraklitplatten abgehängt worden und die Ständer mit Brettern verkleidet. Der Boden bestand aus einer dünnen Betonschicht (Abb. 15 und 16).
Abb. 15, links: Kirchenraum
Abb. 16, rechs: Kirchenraum mit Eingangstor

Positiv wirkte allerdings die Untermauerung der Ständer, die ein weiteres Absinken während der letzten 30 Jahre verhindert hatte. Die unterschiedliche Absenkung der Ständer war jedoch nicht beseitigt worden, wodurch auch hier das Dach eine Schiefstellung aufwies.

Inzwischen war es Winter geworden und die Arbeiten konnten nur unter einem Dach weiter fortgesetzt werden. Die Vöhrumer Baufirma Hansen erklärte sich bereit kurzfristig die Dachkonstruktion zu erstellen (Abb. 33 und 34). Kurz darauf konnte auch eine Dachdeckerfirma gefunden werden, die trotz des Winters wenigstens die Dachlattung und die Unterspannfolie anbrachte (Abb. 35), sodass der Innenausbau im Trockenen weitergehen konnte.

Abb. 33, links: Errichtung des neuen Sparrendaches
Abb. 34, mitte: Entkerntes Fachwerk mit neuem Dachstuhl
Abb. 35, rechts: Schutz des Fachwerkgebäudes durch eine Dachfolie

Da das Innenfachwerk in früheren Zeiten geweißt und später durch die Witterung stark verdreckt war, musste es 2 Tage lang durch eine Fachfirma gesandstrahlt werden. Danach wurden die gesäuberten Eichenoberflächen mit einer farblosen Lasur eingelassen (Abb. 36). Das Innenfachwerk wurde jetzt ausgebessert und unter dem östlichen Luchtbalken an der Eingangsseite eine Fachwerkwand errichtet (Abb. 37).

Abb. 36, links: Luchtbalken nach der Säuberung
Abb. 37, rechts: Innenfachwerk nach der Säuberung

Es folgten nun die Maurerarbeiten. Auf der Dielenseite der Trennwand zwischen Diele und Flett wurde ein Heizungsraum abgeteilt. Vor den Fachwerkaußenwänden wurden 15cm starke Ytongwände hochgezogen. Die Fächer im Innenbereich wurden mit 12cm Ytong ausgemauert. Statt der nicht mehr vorhandenen Fachwerkwände zwischen den Zimmern an der Giebelwand wurden Wände aus dem gleichen Material hochgezogen. Es folgte die Errichtung von zwei Schornsteinen (Abb. 38). Die Obergeschosse an der Giebelwand erhielten Holzfußböden, die Dachschrägen wurden isoliert und verbrettert (Abb. 39).

Abb. 38, links: Ausmauerung des Innenfachwerks mit Ytong unter dem östlichen Luchtbalken
Abb. 39, rechts: Ausmauerung der Feuerwand in den oberen Schlafkammern

Die bisherigen Arbeiten fanden größtenteils in Eigenleistung mit Hilfe von Freunden statt. Da vor dem Verkauf des Hauses am Linken Niederrhein nur begrenzte Geldmittel zur Verfügung standen, wurde versucht, nur die allernotwendigsten Arbeiten an Firmen zu vergeben. Inzwischen war es Mai 1983 und der Umzug der restlichen Familie war für August geplant. Es gelang der Ehefrau des Verfassers das Haus am Linken Niederrhein Ende Mai zu verkaufen, so dass im August die Bezahlung erfolgen sollte. In Erwartung dieses Geldes wurden im Juni alle noch ausstehenden Arbeiten in Auftrag gegeben. Das hatte zur Folge, dass nun auf der bisher ruhigen Baustelle die Handwerker verschiedener Firmen gleichzeitig tätig wurden: Die Elektroinstallation führte die Vöhrumer Firma Weber durch (Abb. 40), die Heizung und Wasserinstallation (Abb. 41) die Firma Dannheim (Arpke), Gas, Wasser und Telefon wurden verlegt (Abb. 42). Die Dachziegel wurden provisorisch aufgelegt (Abb. 43 und 44). Die Schreinerei Alfred Köther (Stederdorf) lieferte die Sprossenfenster und Türen und die Firma Krause (Woltorf) übernahm die Putz- und Estricharbeiten (Abb. 45).

Abb. 40, links: Elektroinstallation
Abb. 41, mitte: Verlegung der Fußbodenheizung
Abb. 42, rechts: Gas-, Wasser-und Elektroanschluß

Abb. 43, links: Dacheindeckung von der Straße Zur Bergermühle aus gesehen
Abb. 44, mitte: Dacheindeckung
Abb. 45, rechts: Estrich- und Putzarbeiten sowie Fenstereinbau

Die Verlegung der Terracotta-Fliesen im Erdgeschoss und die Auflegung von Kieferbrettern-Breitware auf den Deckenbalken über dem Flett (der Zustand der originalen Eichenbohlen war zu schlecht) wurde jedoch wieder in Eigenregie und mit Hilfe von Freunden durchgeführt. Diese Arbeit konnte gerade noch vor dem Eintreffen der Familie beendet werden. Im August war es soweit: Der Umzug der restlichen Familie mit dem 2 Monate vorher geborenen neuen Familienmitglied Wolf fand statt (Abb. 46). Da der August 1983 sonnig und sehr warm war, störte es nicht, dass das Haus noch nicht dicht war. Der Dachdecker hatte Insolvenz angemeldet, so dass die S-Pfannen nur provisorisch auflagen und die Grad- und Firstziegel fehlten. Auch die Ausmauerung der Fächer fehlte noch. Das hatte zur Folge, dass der Wind in die Zimmer wehte, weil die Fenster in die äußere Fachwerkwand eingepasst worden waren.
Im Innern waren folgende Räume fertig: das Wohnzimmer (Flett), die Küche und das Schlafzimmer mit dem Bad dazwischen hinter der Giebelwand im Parterre, darüber die zwei Kinderzimmer mit einem Bad dazwischen. Diese abgeschlossene Zimmerflucht wurde über eine Wendeltreppe zugänglich gemacht. Das hatte den Vorteil, dass die beiden älteren Söhne Tim und Jan (7 und 9 Jahre alt) durch die weiteren noch durchzuführenden Arbeiten nicht gestört wurden.

Abb. 46, links: Ankunft des jüngsten Familienmitglieds
Abb. 47, mitte: Streicharbeiten
Abb. 48, rechts: Fachwerkausmauerung

Im weiteren Verlauf des Jahres erfolgte die Ausmauerung des Außenfachwerks (Abb. 47 und 48), was die Isolierung der Außenwände durch Einfüllen von Styroporgrus zwischen Außenfachwerk und Innenausmauerung ermöglichte, des weiteren die Errichtung einer Treppe im Flett (Abb. 49 und 50 ), die den Dachraum erschloss und den weiteren Ausbau des Dachgeschosses ermöglichte. Dort entstanden 3 weitere Zimmer und ein Bad. Diese Arbeiten zogen sich bis 1984 hin. In diesem Jahr konnte die Restaurierung und Renovierung des Wohnbereichs endgültig abgeschlossen werden (Abb. 51 – 53).

Abb. 49, links: Zustand des Hauses im Sommer 1983 (Dacheindeckung unvollendet)
Abb. 50, mitte: Ostseite des Fletts
Abb. 51, rechts: Westseite des Fletts

Schlussbemerkung
Der Kauf des Zweiständerhauses und die anschließende Renovierung waren ein Wagnis, da die erforderlichen Arbeiten nicht vorhersehbar und damit die anfallenden Kosten nicht kalkulierbar waren. Die Fachbetriebe scheuten sich verbindliche Angebote zu machen, da auch für sie die erforderlichen Arbeiten keine Routine darstellten. Auch Ratschläge von befreundeten Architekten waren meist nicht hilfreich, da ihre Umsetzung zu teuer gewesen wäre. Oder sie berücksichtigten nicht den Wunsch des Bauherrn, möglichst viel alte Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig eine dauerhafte Lösung zu erzielen. Viele während der Restaurierung aufgetretenen Probleme mussten unkonventionell gelöst werden. Das war nur möglich durch die Diskussion mit Gleichgesinnten, die vor ähnlichen Problemen standen. Vor allem die Beratungen mit Dr. Gerhard Best führten zu vielen sinnvollen Entscheidungen. Der renovierte Bauteil steht nun seit über 25 Jahren, ohne dass gravierende Baumängel aufgetreten sind, was beweist, dass keine ernsten Baufehler gemacht wurden.

Abb. 52, links: Zustand des Wohnteils Ende 1983 (Nordostseite)
Abb. 53, mitte: Zustand des Wohnteils Ende 1983 (Garten mit Giebelseite)
Abb. 54, rechts: Zustand des Wohnteils Ende 1983 (Nordwestseite)

Da die Belastungen für Familie und Beruf nicht zu groß werden sollten, wurde die Restaurierung des Dielenbereichs erst 10 Jahre später in Angriff genommen (siehe Teil 2).

Abb. 60: Giebel vor und nach der Restaurierung

Link zum 2. Teil: Dielenbereich und Dachboden