Kurfürstendamm in Vöhrum
Von Dr. Ingo Reinhardt
„… über einen Forth und Teichdamb …“
Wie der Kurfürstendamm in Vöhrum zu seinem Namen kam
Straßen- und Wegenamen dienen in erster Linie der Orientierung. Häufig sind sie das geschichtliche Gedächtnis von Ortschaften. Sie weisen auf alte Flurbezeichnungen oder historische Gegebenheiten hin. Idealerweise hat das neue Vöhrumer Baugebiet u.a. durch die Ausgrabungen des Archäologen Thomas Budde sehr Interessantes zu bieten.
In seiner jüngsten Sitzung vom 4. April 2024 hat der Ortsrat Vöhrum/Eixe/Landwehr einstimmig beschlossen, den Verbindungsweg zwischen dem Landwehrgraben und Am Heerbruch im Neubaugebiet Kurfürstendamm zu benennen. Shopping-Freunde werden allerdings nicht auf ihre Kosten kommen, denn hier wird kein Einkaufsboulevard mit Dior, Gucci, Chanel oder Café Kranzler entstehen. Der Weg wird flankiert von einem Regenrückhaltebecken und sieht ansonsten eher unscheinbar aus. Historisch gesehen hat der Weg jedoch für die Geschichte Deutschlands und Europas eine enorme Bedeutung.
Es ist historisch belegt, dass die Schlacht von Sievershausen an einem Damm zwischen Heerbruch und Knickteich durch das Eingreifen der kurfürstlichen Nachhut unter Hans von Wulfen eine Wendung erhielt. In dieser Schlacht, die am 9. Juli 1553 stattfand, standen die vereinigten Heere des Kurfürsten Moritz von Sachsen und des Herzogs Heinrichs des Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg den Truppen von Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach gegenüber. Diese Schlacht war ein Teil des Zweiten Markgrafenkrieges und mit 30.000 Landsknechten und Rittern eine der größten Kampfhandlungen auf niedersächsischem Boden. Der protestantische Kurfürst Moritz von Sachsen vertrat in dem Krieg die Sache des katholischen Kaisers und sollte den aufbegehrenden Markgrafen stoppen. Die Schlacht endete mit einem Sieg des Kurfürsten. Am Ende waren 4.000 Tote zu beklagen. Auch der Kurfürst und zwei Braunschweiger Prinzen hauchten auf dem Schlachtfeld ihr Leben aus. Der Ausgang der Schlacht führte zum Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555, der die Reformation und die Machtstellung der Fürsten in Deutschland festigte. Hier entstand die Formel „cuius regio, eius religio“ („wessen Gebiet, dessen Religion“), die den Fürsten erlaubte, die Religion in ihren Herrschaften zu bestimmen. Die Aufteilung Deutschlands in katholische und protestantische Gegenden fand hier ihren Ursprung. Außerdem hatte die Stärkung der Machtstellung der Fürsten enormen Einfluss auf die bundesstaatliche Ordnung in Deutschland.
Die Bedeutung des Dammes in der Schlacht von Sievershausen wird vom Kurfürsten Moritz von Sachsen höchst selbst hervorgehoben, als er in der folgenden Nacht auf dem Sterbebett liegend an den Bischof von Würzburg schrieb: „Der Markgraf ist also durch die Landwehr stracks nach dem Gericht Peyne über den Holz gezogen. Als wir solches gemerket, und er über einen Forth und Teichdamb, auch eine große Enge ziehen müssen, sind wir ihme vorgebeuget, und dieselbige Enge für ihme eingenommen, ihme den Zug dadurch zu wehren. Sind also auf der anderen Seite des Holzes, gestern den 9. hujus, fast den ganzen Vormittag auf eine halbe Meile ungeferlich neben einander gezogen. Wie wir nuhn zum ersten über den Teichdamb kommen, und unsere Hauffen all herüber bracht.“ (Politische Korrespondenz des
Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen, Band 6, Johannes Herrmann, Günther Wartenberg und Christian Winter, 2006)
Woldemar Glafey („Mittheilungen des Könglich Sächsischen Alterthumsvereins“, 1877) schreibt, daß man „unter dem Holze“ nach der alten Homannschen Karte nur den Bereich südlich des Hameler und Heimer Waldes (= Hainwald) verstehen kann, welche beide eng zusammenstoßend westlich von Peine zwischen der Fuhse und ihrem kleinen Nebenflüßchen, der Aue sich ausbreiten. Verständlich wird der Zusammenhang durch den Aufmarsch der beiden Fürsten. Nach Glafey ist der Markgraf von Bothfeld in Richtung Burgdorf gezogen, während der Kurfürst danach von Sarstedt über Hotteln, Lühnde, Schwicheldt in Richtung Peine aufgebrochen ist.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Kurfürst den Brief an den Bischof im Feldlager im Gericht Peine in der Nacht am 9. Juli schrieb. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass Sievershausen zu keinem Zeitpunkt zum Hochstift Hildesheim, geschweige denn zum Amt oder Gericht Peine gehörte. Die nördliche Grenze zwischen dem Amte Meinersen (Herzogtum Braunschweig-Lüneburg) und dem Amte Peine (Hochstift Hildesheim) wurde in einem Rezess vom 19.05.1610 genau beschrieben: „Die Grenze beginnt am Schlagbaum in der Landwehr vor Vöhrum, nahe dem Teiche, verläuft von dort in den Bokhop, wo jetzt das Gericht steht, und dann gerade durch die Vöhrumsche Feldmark, bis auf eine ausgehobene Grube am Graben, der um die Vöhrumsche Feldmark geht.“ In der neuen Ortschronik, Hauptteil von Rolf Ahlers steht geschreiben, dass in einer Karte von 1725 ein Baum und ein Pfahl eingezeichnet und daneben „Bockhoff“ bzw. „Bockhop“ eingetragen ist. Das ist in etwa dort, wo sich heute die Vöhrumer Windmühle befindet. Der Baum markiert die Stelle als Gerichtsplatz. Unter einem Gerichtsbaum – allgemein eine Linde – wurde im Mittelalter und der Frühen Neuzeit regelmäßig Gericht gehalten. Der Pfahl ist ein Hinweis auf die Grenze zwischen Gerichtsbezirken (z. B. in Form einer Landwehr als Trennlinie zwischen Verwaltungseinheiten) bzw. auch auf einen Gerichtsplatz.
Die Schlacht von Sievershausen wurde in einer Karte bildlich dargestellt. Diese Karte wurde von einem Hans Adam kurz nach dem Ereignis entworfen, also nach 1553. Sie wird heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt. In dieser Karte werden auch Vöhrum und die topographischen Gegebenheiten in Form eines Dammes und eines Teiches dargestellt.
In dem Begleittext zur Karte heißt es: „In diesem Treffen haben 4 Märkische Geschwader mit Gewalt durch die Sächsische Ordnung gedrungen, die Thüringer und Meißner mit den scharzen Fahnen in die Flucht gebracht bis hinten zum Damm. Daselbst Hans von Wulfen sich mit zwei frischen Geschwadern gehalten, die Thüringer und Meißner entsetzt, also dass sich die Märkischen gewendet und wiederum durch den vorigen Haufen gedrungen.“ Der Damm ist sozusagen neben der Furt eine der ältesten Wegebezeichnungen von Vöhrum. Die genaue Lokalisierung von Damm und Teich ist anhand der Karte allerdings etwas schwierig, aber sie liegen im Bereich von Vöhrum.
Karte von 1553 – Quelle: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Die Bedeutung und die Lokalisierung des Dammes in der Ritterschlacht von Sievershausen wird in der Literatur aus dem 19. Jahrhundert deutlich, wonach der Teichdamm eindeutig mit Vöhrum in Verbindung zu bringen ist. Das geht aus dieser Quelle (E. Th. Jäkel, Geschichte der Reformation, Leipzig 1846) hervor: „Unterdessen war Moritz von Peine die Fuhse abwärts marschiert und hatte alles zur Schlacht geordnet. Sein linker Flügel lehnte sich an das Dorf Vöhrum; das Zentrum stand bei dem Dorfe Sievershausen; der rechte Flügel, der von den Braunschweigern gebildet wurde, hatte das Dorf Dollbergen zum Stützpunkt. Auf dem linken Flügel kommandierte Moritz selbst, auf dem rechten Herzog Heinrich mit seinen beiden Söhnen, im Zentrum Hans von Heideck, dem der Burggraf Heinrich von Plauen untergeordnet war.“ Und auch diese Quelle (Friedrich Kortüm und Karl Alexander Freiherr von Reichlin-Meldegg, Geschichte Europa’s im Übergange vom Mittelalter zur Neuzeit, Leipzig 1861) zeigt, dass der Teichdamm ein für die Schlacht sehr entscheidender Ort gewesen ist: „Die markgräfischen Reiter sprengten den linken Flügel der Kursachsen, wo die Meißnischen Vasallen flohen. Die besten von Albrechts Reitern stürzten auf die sächsische Hoffahne los. Hier fiel Fürst Friedrich von Lüneburg mit dem Panier der kursächsischen Leibwache. Man brauchte des engen Raumes wegen im Kampfe anstatt der Spieße die Büchsen. Schon flohen die Meißnischen auf dem linken Flügel von allen Seiten. Sie nahmen ihren Weg dahin, wo auf einem schmalen Platze zwischen zwei Sümpfen die kursächsische Nachhut, von Johann von Wulfen und Peres befehligt, stand. Beide Nachhutanführer brachten durch Bitten und Drohungen die Fliehenden zum Stehen, griffen aufs Neue unerschrocken den verfolgten Feind an. Wieder stellte sich fest und mutig des Kurfürsten Schlachtreihe, in ihren Gliedern abermals geschlossen und zum neuen Kampfe bereit. Die Reiterei Kursachsen zeichnete sich durch ihr Büchsenfeuer und ihren geordneten Angriff aus. Auch das Fußvolk, von dieser geschützt, schritt mit gleichem Mute zum Angriffe.
Albrechts Fußvolk verwirrte sich durch die Reiterangriffe, und fing zu weichen an. Jetzt griffen die kursächsischen und braunschweigischen Reiter auch die feindlichen Reiterschaaren an, allseitig von dem unermüdet kämpfenden Moritz angefeuert. Die Feinde, Fußgänger und Reiter flohen. Sachsen und Braunschweig hatten gegen Abend des Tages einen vollständigen Sieg errungen.“ Aus der Anschauung wird das wohl an einer Engstelle gewesen sein, denn auf dem offenen Feld hätte er sie kaum alle erreichen können. Folgende Quelle (Dr. Waldemar Glafey, Die Schlacht bei Sievershausen am 9. Juli 1553 in Mitteilungen des Königlich Sächsischen Alterthums-Vereins, Dresden 1877) unterstützt diesen Sachverhalt, dass das eben an dem Teichdamm geschehen ist: „So schien die Sache des Kurfürsten unrettbar verloren, ein schmachvolles Unterliegen unvermeidlich; da trat ein Mann auf den Kampfplatz, welcher die Niederlage und den Untergang des kurfürstlichen Heeres aufhielt, die Ehre der sächsischen Waffen wiederherstellte: Hans von Wulfen, der Befehlshaber der kurfürstlichen Nachhut. Dieser war mit 4 Geschwadern auf einem Damme zwischen zwei Sümpfen aufgestellt worden, wohin sich jetzt ein Teil der Geschlagenen wandte. Als er nun die Seinigen in hastiger Flucht dem nachdrängenden Feinde einherstürmen sah, warf er sich denselben rasch entschlossen in den Weg und es gelang ihm dadurch, dass er die einzelnen ihm bekannten Reiter bei ihrem Namen anrief und an ihre Pflicht mahnte, zum Stehen zu bringen. Dann sprengte er mit seinen 4 Geschwadern ungestüm auf den Feind ein und sein Beispiel spornte die Geschlagenen an, daß sie mit neuem Mute folgten. Durch die unerwartete Wendung der Dinge in Bestürzung und Verwirrung gebracht, vermochten die markgräfischen Reiter dem heftigen Anprall nicht zu widerstehen, sondern wurden erschüttert und begannen sich zur Flucht zu wenden. Durch die Flucht der übrigen Reiter wurden auch 4 Geschwader, welche der Markgraf im Nachtraben gehabt hatte, mit fortgerissen.“ Und schließlich heißt es über die Taten von Hans von Wulfen in der Quelle von H. Senff (Die Schlacht bei Sievershausen 1553, in Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1880): „Hans von Wulfen, mit seinen Geschwadern am Teichdamm haltend, sieht die Seinen von den Feinden gefolgt in wilder Flucht auf sich anstürmen. Er reitet vor. Durch namentliches Zurufen, durch energisches Entgegentreten und Mahnen an ihre Pflicht hemmt er den Strom der Flüchtigen, und wie nun seine mannhaften Schaaren anreiten, ist die eingerissene Panik beendet, alles macht Front und schließt sich ihm an. So trifft er auf die in wilder Verfolgung ohne Ordnung, ohne Halt daher stürmenden markgräfischen Reiter. An seiner festgeschlossenen Schaar staut der wilde Anlauf, um bald zurückzufluten. Unaufhaltsam geht es denselben Weg zurück, wieder durch den gewaltigen Haufen der Landsknechte.“
Eine genaue Darstellung der Örtlichkeiten der Schlacht von Sievershausen ist ist in der dem Beitrag von H. Senff aus dem Jahr 1880 beigefügten Karte zu finden.
Karte von 1880 – Quelle: Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1880
Auf der Seite 248 beschreibt H. Senff: „Zwei Straßen führen von Burgdorf nach Braunschweig: die eine über die Abbenser Furth, die andere über einen Teichdamm, welcher über die Enge zwischen dem Heerbruch und dem Knickteich führt. Moritz hat diesen letzteren fast unmittelbar vor sich. Er sendet Oswald von Krumbsdorf mit 7 Fähnlein fast lauter meißnischer Reiter unter Otto von Diskau und Bastian von Wallwitz über den Damm vor, um vorwärts Sievershausen Stellung zu nehmen, den Übergang seiner ganzen Armee über den Damm zu decken, und es Albrecht auf diese Weise unmöglich zu machen, über Abbensen abzuziehen.“
Der Name Knickteich ist als Flurname heute noch belegbar. Dieser befindet sich in einer Senke am Landwehrgraben hinter Borchfeldts Halle. Und der Name Heerbruch ist in einer Karte von 1620 und als alter Flurname nachweisbar. Eine Straße im Neubaugebiet wurde bereits danach benannt.
Karte von 1620 – Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv
Weiterhin ist der „Heerbruch“ in einer Karte von 1725 eingezeichnet.
Karte von 1725 – Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv
In einer Karte von 1740 wird der Knickteich genannt. „Der alte Landgraben“ ist teilweise mit drei Armen dargestellt, was ein Hinweis auf die Befestigungsanlage der ehemaligen Landwehr ist.
Karte von 1740 – – Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv
Der Knickteich wird auch noch in der Gaußschen Landesaufnahme von 1827 dargestellt.
Karte von 1827 – Quelle: Gaussche Ladesaufnahme vom LGLN
In seiner Semesterarbeit „Flurnamenforschung in Vöhrum“ von 1935 schreibt Heinz Niehus: „Der Knickteich, dä knickdeick, oder Im Knickteich. Bis zur Verkoppelung ist der Teich erhalten geblieben. Dann wurde durch Ziehen von mehreren Gräben das
Wasser abgeleitet, sodaß eine Wiese entstand. Vorher war daselbst die
Schafbadestelle und eine Tränke, genannt einfach die Dränke. Der Knickteich gehörte der Domäne Telgte, der dann 1876 von dem Vöhrumer Anbauer Burgdorf gekauft ist. Östlich verlief ein Damm, der einst zur Stauung diente. Der Name der Damm war gebräuchlich.“ Durch diesen Hinweis ist der räumliche Bezug zu dem Damm gegeben.
Thomas Budde konnte in dem Bereich zum Landwehrgraben einen Wegedurchlaß bzw. Grenzübergang nachweisen. Weiterhin hat er an der Stelle des Verbindungsweges neben dem Regenrückhaltebecken Eichenstämme entdeckt, die die Funktion einer Sperranlage (= Staudamm) hatten („Vöhrum – tausend Jahre und mehr“, 2022).
Karte von Thomas Budde in „Vöhrum – tausend Jahre und mehr“, 2022
Für seine Verdienste in der Schlacht von Sievershausen mit der Wende in Vöhrum erhielt Hans von Wulfen übrigens den Adelshof von Quedlinburg geschenkt. Siehe hierzu: ROLF AHLERS („Vöhrum – tausend Jahre und mehr“, 2022).
Da die Erkenntnisse zum „Kurfürstendamm“ bei der redaktionellen Gestaltung der großen Informationstafel am Regenrückhaltebecken leider noch nicht vorhanden waren, hatte der Ortsrat bei der Namensgebung des Weges eine gute Möglichkeit, diese Lücke zu schließen. Daher soll das Straßenschild „Kurfürstendamm“ auch eine Erläuterungstafel erhalten, die den geschichtlichen Zusammenhang kurz darstellt.
Dr. Ingo Reinhardt
Vöhrum im April 2024
Heimat- und Kulturverein Vöhrum-Eixe-Landwehr e.V.Feldbegehung der alten DorfstetteDurch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
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