Vöhrumer Geschichten
Des Marders Lust, des Menschen Frust
Von Sven Pleger
Weitere finden Sie auch auf der Website der Universität Giessen, die auch wissenschaftliche Publikationen zum Thema Marder und Marderschäden enthält.
Unser Dachboden bietet viel Platz, etwa eineinhalb Stockwerke des alten Fachwerkhauses sind nicht ausgebaut und stehen ungenutzt leer. Halt, das stimmt nicht, denn solange wir uns erinnern können wohnen dort wechselnd teilweise rücksichtslose Singles ohne Mietvertrag. Selbstverständlich zahlen sie auch keine Miete, aber Schäden verursachten sie in vierstelliger Höhe. Marder, diese kleinen Teufel im niedlichen Gewand. Bis ca. 54 cm groß, die Hälfte davon buschiger Schwanz. Sie sind Kulturfolger, Einzelgänger und Allesfresser mit Hang zu tierischer Nahrung. Sein possierliches Äußeres täuscht, zerstörerisch und lärmend ist oft sein nächtliches Werk. Wir, als tierliebende Mitbewohner, gaben die meiste Zeit dem Martes foina, wie der Steinmarder mit lateinischem Namen heißt, immer wieder eine Chance zur sozialen Eingliederung in unsere Lebensgemeinschaft. Selten störte er wirklich, unser kleiner Sohn wuchs mit dem nächtlichen Krach des Tierchens auf, und nach ängstlicher Skepsis stellte sich eine ignorante Akzeptanz ein….der Marder will ja schließlich auch nur ein gemütliches Zuhause.
Der Schrecken folgte nach Betreten des Dachbodens: Zerrissene und mit großen Löchern zerstörte Wärmedämmung am Dach, ebenso auf dem Dachboden. Losungen und unzählige Flecken von seinen “Geschäften“, selbst an der Decke eines Zimmers darunter bildeten sich schon Flecken, im Zwischenboden fühlt sich der Eindringling besonders wohl. Vereinzelte Fundstücke von Resten seiner nicht verspeisten Mahlzeiten verwesen vor sich hin. Es zieht an den von ihm offen gelegten Stellen in der Dachisolierung und das Dach weist an den vermeintlichen Eingangspforten des Marders zum Paradies Schäden auf, z. B. gelöste Dachziegel. Schluss jetzt, mit diesem Mietnomaden und seinem rücksichtslosem Benehmen wollten wir das Dach nicht mehr teilen!
Was also tun? Mit Diplomatie und Höflichkeit kamen wir hier jedenfalls nicht weiter.
Im Internet fanden sich reichlich Ratschläge und allerhand kostspieliges technisches Equipment zum Vertreiben des lästigen Plagegeistes. Vor Jahren hatten wir auf einem Nebendachboden Zugänge entdeckt. Im Klaren darüber möglicherweise nicht alle Öffnungen schließen zu können, wollten wir nicht kampflos mit unserem Schicksal hadern und beschlossen gegen Windmühlen anzurennen. Eine große Rolle Kaninchendraht wurde gekauft und alle möglichen Stellen des Verdachts auf Marderdurchlässigkeit verschlossen. Ein schier unmögliches Unterfangen, da der Marder nur eine Öffnung der Größe seines Kopfes benötigt. Ja, zugegeben, es war eine lächerliche Maßnahme, der Marder ist nicht doof und feixte sich eins. Kurze Zeit später (sehr, sehr kurz) hatte er einen anderen Zugang gefunden.
Und wo er sich überall in unserem Haus wohlfühlte. Vor der ursprünglichen Fachwerkfassade wurde mal ein neues Fachwerk gesetzt. Zwischen alter und neuer Fassade ist es einfach kuschelig warm, so dass der Marder schier unendlich viele Möglichkeiten hat, ein gemütliches Plätzchen zu finden. Ein Marder hatte sogar mal auf Erdgeschoßhöhe unter einem Fenster im Büro ein Nest eingerichtet. Niedlich hörte es sich an, wenn dort die kleinen Marder wild spielten oder hungrig schreiend auf ihr Fressen warteten. Ich war drauf und dran eine Beobachtungsstation mit Glasfenster, Webcam und Nachtsichtgerät einzubauen. Interessant auch, dass mit wechselnden Mardern die bevorzugten Plätze wechselten oder sich das Verhalten änderte. Wir hatten ruhigere, aber auch sehr lebhafte Gesellen im Haus. Nach einem eher angenehmen Zeitgenossen folgte ein zur Hyperaktivität neigender Pelzträger.
Also folgte der nächste Versuch: Eine Lebendfalle größerer Bauart. Das gute Stück, vom Nachbar geliehen, wurde mit einem rohen Ei beladen, ein echtes Leckerli für diesen Artgenossen. Doch nach wochenlangem Warten auf Reaktion war uns die Geduld ausgegangen. Er ignorierte die Falle. Auch Katzenfutter (Huhn und Kaninchen) lockten ihn nicht. Backpflaumen mit Honig übergossen fand er lecker. Diesen Köder, positioniert auf einem Törtchenpapier zog er geschickt von der Kippfläche der Falle vor den Eingang und verspeiste ohne Gefahr den Köder. Frustriert probierten wir es auch nicht weiter mit anderen Leckereien. Der Marder ist halt schlau und extrem vorsichtig, außerdem muss der Marder mindestens 60 Kilometer weit weg gebracht werden, da er sonst in sein Revier (bis zu 210 Hektar) zurückkehrt. Fallen mit offenen Gittern dürfen nicht eingesetzt werden (werden aber fast nur angeboten). Auch für Marder gibt es eine Schonzeit die einzuhalten ist. Vom 1. März bis zum 16. Oktober darf der Marder nicht gejagt oder gefangen werden. Wenn der Marder tatsächlich in die Falle geht, dann tickt er völlig ab und muss möglichst schnell wieder freigelassen werden. Zweimal am Tag muss die Falle kontrolliert werden. Verstöße werden als Straftatbestand nach Landesjagdgesetz als Straftatbestand geahndet.
Ein anderer Vorschlag der wirken soll: Ein mit Heizöl oder Diesel getränktes Tuch. Abgelehnt, wir müssten viele Tücher an ebenso vielen Orten platzieren und kontrollieren. Kraftstoffe stinken außerdem nicht nur für den Marder erbärmlich, und in unserem alten Fachwerkhaus herrscht erhöhter Brandschutz. Im Sommer würde dann wohl nicht nur der Marder für eine explosionsgefährliche Atmosphäre sorgen.
Eine Firmengründung junger Studenten verspricht mit Marder-Bollos (Gewebe der Aftertaschendrüse erlegter Marder) endlich Erfolg. Der Durft löst einen Schlüsselreizeffekt aus. Dieses Notstoppsignal, verursacht durch den Warnduft des vermeintlich vorhandenen toten Artgenossen, schreckt den Marder ab. Eine letzte Markierung zum Abschied und das Revier ist unbrauchbar. Anscheinend sind die Bollos aber nicht für jedermann im Handel erhältlich. Die Fima bietet Individuallösungen an.
Ultraschallgeber, mit spezifischen Frequenzen wären eine Möglichkeit. Aber wirkungsvolle Geräte kosten schon mal mindestens 100 € bis 300 € laut Forenberichten und Tests. Weiterer Nachteil ist die begrenzte Raumwirkung. Die Tiere müssen schon in unmittelbarer Nähe der Geräte vorbeilaufen um Schmerzen zu erleiden, wie Menschen beim Quietschen von Kreide auf einer Tafel. Also würde eine Tafel, äh…ein Gerät gar nicht ausreichen bei den vielen möglichen Zugängen des gewieften Gegners.
Tja, wenn wir einen netten kleinen Bungalow hätten wie unsere Freunde, könnten wir unser Problem mit Mörtel lösen. Ein Wochenende hat genügt alle Zugänge mit schnellbindendem Mörtel zu verschließen. Selbst Mörtel kann aber auch bei besonders renitenten Mardern aufgekratzt werden. Bauschaum war die erste Lösung, aber der Marder hat sich geduldig durchgegraben. Da war dann auch zu sehen, wie klein der Zugang sein darf. Fast genauso lange wie das Graben, dürfte das Reinigen des Bodens von Bauschaumresten gedauert haben. Ebenso halten Spanplatten den Marder nicht zurück.
Weidezauntechnik ist die Empfehlung des Otterzentrums Hankensbüttel. Das einzig wahre Mittel wissen die Fachleute. Doch leider müssten wir wahrscheinlich einen halben Kilometer Draht spannen, um sicher zu gehen, dass dem Marder elektrisiert das Fell zu Berge steht. Davon ab, müssten wir einen Artisten einstellen, der an den unzugänglichen Stellen auf unserem verwinkelten Dachboden die Befestigungen und den Draht anbringt. Auch die Kosten schrecken ab: Batteriegerät rund 150 €, Weidezaun (250 m) ca. 250 €. Also auch nicht das Richtige.
Dann wären da noch Methoden fragwürdigen Ursprungs wie Klosteine, Hundehaare, Sprays, vollgeschwitzte oder sogar vollurinierte Kleidungsstücke. Entschuldigung, aber Produkte aus der Hexenküche kommen für uns gar nicht in Frage. Außerdem wird allen diesen Hausmittelchen schon nach kurzer Zeit Wirkungslosigkeit von Fachleuten bescheinigt. Vor allem, weil der Marder sich an vieles Abartige gewöhnen kann, da ist er allerdings manchem Menschen gar nicht so unähnlich.Unsere Schornsteinfegerin übrigens schwört auf Terrierhaare, hat angeblich zum Erfolg geführt. Kleine Stoffsäckchen gefüllt mit diesen Hundehaaren hätten das Marderproblem gelöst…..hmmmm?!?! Ein Freund schwört auf eine Lösung eines Mineralischen Salzes, dem Aussehen nach könnte es Aluminiumsulfat oder sowas sein. Letztendlich eine chemische Keule für den Mader die dort versprüht werden soll, wo die Laufwege des Marders sind. Haben wir noch nicht ausprobiert, werden wir wohl auch nicht.
In allergrößter Verzweifelung bleibt noch die Kontaktaufnahme mit dem Ordnungs- oder Veterinäramt. Kann der Nachweis geliefert werden, dass eine gesundheitliche Gefährdung oder ein immenser Sachschaden durch den Marder verursacht wird, kann ein Kammerjäger beauftragt werden, der den Marder „sachgerecht“ zur Strecke bringt. Aber mit Mord wollen wir nichts zu tun haben. Schon bald kommt der nächste „Hausfreund“, und wir müssten zum Serienkiller werden.
Nein, etwas ganz anderes, kombiniertes sollte es werden. Nach intensivem Gedankenaustausch und technischen Diskussionen unter Berücksichtigung biologischer Verhaltensmuster der Familie Marder setzten wir unsere Strategie um. Wir installierten auf dem Dachboden zwei Bewegungsmelder und verschalteten diese mit einem alten Radio. Taucht ein sich bewegendes Objekt (Marder) im Feld eines der Bewegungsmelder auf, schaltet sich das Radio ein und für Marder 100%ig geschmacklose Musik oder noch schlimmer, menschliche Stimmen ertönen für 20 Sekunden in normaler Gesprächslautstärke. Das ist mitten in der Nacht, bei sonst absoluter Stille, schon fast Lärmbelästigung, besonders für menschenscheue Marder. Aber das allein reichte uns nicht. Das Verteidigungssystem wurde weiter ausgebaut. Große Zwischenräume wurden mit Gipskarton geschlossen, kleinere mit Bauschaum gefüllt. Der Etat für Kaninchendraht wurde erhöht, um die häufigsten Laufwege auszukleiden, Öffnungen zu Zwischenräumen zu verschließen und Hauptlosungsplätze abzudecken. Wir haben 6-Eckgeflecht, Maschenweite 16 mm und Stärke 0,7 mm bestellt. Muss schrecklich sein für den hektischen Angreifer, wenn ihm das Schlachtfeld genommen wird, wenn er nicht wie gewohnt fix über Böden laufen kann, weil der Fuß in den Löchern hängen bleibt und der Kaninchendraht (Drahtgeflecht) immer nachgibt, da er relativ locker auf dem Boden liegt.
Und…siehe da…wir haben es geschafft! Nach jahrelangem Kampf scheint der Sieg erreicht. Kein Rumpeln, kein wildes Getrapse, keine neuen Losungen und Flecken, der Dachboden ist Marderfrei. Denkste: Verhaltensweise und Geschlecht scheint entscheidend zu sein für das Individualverhalten des Marders. Denn nachdem der vertriebene Marder abgelöst wurde durch seinen charakterlich ungezogenen Nachfolger, hat dieser andere Plätze auf dem Dachboden in Beschlag genommen. Vollgekotet und uriniert sahen wir uns gezwungen weitere rund 100 m² Kaninchendraht zu bestellen. Das war wirksam, denn nun hat er nur noch die mit dicken alukaschierten Wärmedämmung zum Laufen auf den Zimmern und das mag er anscheinend nicht so gerne.
Doch…wohl eher unentschieden! Ab und zu höre ich ihn, ganz leise, unauffällig und bescheiden, irgendwo in den Ecken oder in der Fassade hat er ein kleines Plätzchen gefunden. Dort lebt er nun recht zurückgezogen, schon bemitleidenswert, wie ein ausgestoßener Eremit. Und wenn wir ihn dann mal hören ist alles Leid vergessen, und es freut uns, den Marder noch bei uns zu wissen.. …meistens! *
* Korrektur: Nein, meine Frau freut sich überhaupt nicht! Ein neuer Mader zog ein. Dieser fand andere Plätze auf dem Dachboden interessant und auch das Drahtgeflecht hält ihn nicht ab direkt darauf seine Hinterlassenschaften zu platzieren.

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