Hausschlachten

Von Adolf Cordes
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Fein abgepackt, in Scheiben geschnitten oder in Folie im Kühlregal. So kennen viele heute nur noch Wurst und Fleisch. Welches besondere Ereignis das Schlachten eines Tieres war und vor 50 Jahren zu Haus zelebriert wurde, erzählt Adolf Cordes aus seinen Erinnerungen

Während der Zwangsbewirtschaftung 1939 bis 1945 durfte nur jeder Haushalt (wer dazu in der Lage war) ein Schwein schlachten.
Aber der Hunger war groß. Mein Großvater hat nach 1945 dann Selbstgebrannten Schnaps bei dem Gemeindeschäfer Ernst Bosold gegen ein Schaf eingetauscht. Das Schaf wurde dann heimlich von der Außenweide geholt und zu Haus schwarzgeschlachtet. Erich Bosold war ein kleiner Mann mit einem Buckel und lebte im Sommer bis zum Herbst in einen kleinen fahrbaren hölzernen Schäferkarren. Im Winter lebte er bei seinem Vater im jetzigen Haus Schnurpfeil.
Für das Futter der Schweine musste ich meine Arbeit leisten. Aber ein großes Problem in den schlechten Jahren war das Beschaffen der Ferkel. Gut war, dass wir den Rübewitz hatten. Mein Opa und ich fuhren dann mit den blauen Wagen (hieß so, weil er blau angestrichen war) nach Peine zur Viehhandlung Leverköhne und erstanden zwei Ferkel, jedes etwa 40 Pfund schwer. Diese kamen in zwei Säcke -die meistens morsch waren- und in den Handwagen. Unter tierischem Geschrei fuhren wir dann diese Fuhre nach Vöhrum. Schlachtreif waren die Schweine so mit 380 bis 420 Pfund. Das Gewicht wurde geschätzt, denn Waagen hatten die Privatleute nicht.
Unser Hausschlachter Karl Brunke war ein Jahrgangskollege meines Großvaters. Brunke. wohnte mit seiner Tochter Gerda nur 100 m von uns entfernt, Ecke Breite Straße/Hainwaldweg. Das Schlachtefest war für alle Familienmitglieder ein besonderer Tag. Im Winter, kurz vor Morgengrauen kam der Schlachter. Da Brunke nur schräg von uns
gegenüber wohnte, kam er schon in seiner Schlachterkleidung. B. war ein mittelgroßer hagerer Mann mit einem gedrehten Schnurrbart. Er hatte eine weiße Schürze, ein weiß/blau gestreiftes Hemd und Wickelgamaschen an. Rechts trug er einen Köcher mit verschiedenen Messern, den Bolzenschussapparat und einen Strick. Auf den Rücken das Netz mit den Glocken. Die Glocken waren ca. 15 cm hoch und der untere runde Rand war angeschärft. Oben war ein Haken zum Entfernen der Fußnägel des Schweines. Als erstes ging der Schlachter in die Waschküche und prüfte, ob das Wasser im Kessel kochte. Dann frühstückte er mit meinem Opa 20 Minuten in der Küche. Hier waren die beiden sich noch einig. Aber dann…..
Bild aus der Ortschronik, Seite 343
Bild aus der Ortschronik
Im Hinterhof hatte meine Mutter in der Zwischenzeit schon Stroh neben dem Anbindering ausgeschüttet. Dann wurde das Schwein aus dem Stall geholt. Zu der Zeit galt, je schwerer das Schwein, desto besser. Mit einem Griff hatte der Schlachter das Hinterbein gefasst und den Strick rumgebunden. Unter lauten Quietschen und Schreien wurde das Schwein nun zu seinem letzten Lager getrieben. Aus gebührender Entfernung konnten wir Kinder hierbei zusehen. Vor dem Schießen mit dem Bolzenschussapparat mussten wir hinter der Hausecke verschwinden. Das zappelnde Tier wurde von meinem Opa und dem Schlachter gehalten und meine Mutter musste Blut rühren. Dies musste zügig gehen, damit das Blut nicht flockte und für die Rotwurst genommen werden konnte. In einem großen Holztrog, dem Brennetrog, wurde das Tier langsam mit heißem Wasser begossen und die Borsten mit den so genannten Glocken abgekratzt. Diese Borsten nahm der Schlachter im Netz mit nach Haus. Dort wurden sie gelagert und im Sommer von seiner Tochter Gerda am Rande seines Grundstückes wie Heu ausgebreitet, getrocknet und zur Weitervermarktung von der Fa. Klinger, Peine abgeholt. Wenn das Schwein dann ausgeschlachtet am Haken hing, wurde mit Schluck angestoßen. Nach der Währung wurde 32% Korn genommen, da im Laufe des Tages so manch ein Gläschen die Gurgel runterlief. Wenn nun der Trichinenbeschauer (Zappelbrandes oder später Gustav Meyfeld.) pünktlich kam und das Schwein durch Stempel freigab, war die Vormittagsarbeit getan. Für uns Kinder war es immer spannend, wenn der Trichinen oder Fleischbeschauer sein Okular auf dem Küchentisch aufbaute und durch das Vergrößerungsglas die vorher abgeschnittenen Fleischstücke prüfte und anschließend das Tier mit dem Stempel „Trichinenfrei“ zur weiteren Verarbeitung freigab. Da ja Winter war, hatten die Vögel wenig zu fressen und wir Kinder mussten aufpassen, dass die Meisen sich nicht ihr Teil vom Schwein holten. Die bekamen als Ration den Paisel in den Baum gehängt.
Nachmittags, gegen 14:00 Uhr, kam der Hausschlachter dann mit einem Fahrradanhänger angezogen. Er brachte darin seinen Wurstcutter, Mettwurstmaschine, und noch etliche Gewürze und Wurstbindfaden mit.
In der Waschküche saßen wir Kinder dann auf den Stufen, die zur Küche meiner Tante Grete führten, und sahen dem Schlachter bei der Arbeit zu. Auf dem Schlachtetisch wurde das Schwein zerlegt und das Fleisch auf mehrere Holzmollen verteilt. Das Fleisch für Leber, Knack und Rotwurst wurde während dieser Zeit im Kessel gekocht. Die Brühe wurde abgeschöpft und in Milchkannen von uns Kindern in der Nachbarschaft verteilt. Mein Großvater und der Schlachter Brunke führten während der Arbeit immer kurze hitzige Debatten. Meine Großmutter sagte dann zu meiner Mutter: hei hult’ ne hall wir datt wierspiel,(er redet schon wieder dagegen) hei (mein Opa) kann datt härken (ihn ärgern) nicht laaten.
Nicht nur wir Kinder warteten nun darauf, dass die Nieren im Kessel gar gekocht waren. Mit etwas Salz bestreut ein Genuss.
Ein großes Problem war bis 1948: wohin mit dem Eingeschlachteten? Die Weißblechdosen für die Wurst und Fleisch waren durch das ständige Abschneiden immer kleiner geworden.
Das gekochte Fleisch wurde nun vom Schlachter durch den Fleischcutter gedreht bzw. mit dem Messer klein geschnitten, in den Mollen gewürzt und in Därme oder Dosen gefüllt.
Die gefüllten Dosen wurden nachmittags zu Gerda gebracht und mit der Dosenverschließmaschine durch Deckeldruck verschlossen. Anschließend mussten die Dosen noch zwei Stunden kochen und waren dann lagerfähig.
Wenn diese Arbeiten erledigt waren, wurde das Schwein von draußen reingeholt, in Schinken, Speckseiten, Pfötchen usw. aufgeteilt und das rote Fleisch für die Mettwurst vorbereitet. Abwechselnd wurde rohes Fleisch und Speck durch den Cutter gedreht, vom Schlachter gewürzt und schon war das Mett fertig. Wir Kinder saßen wie die Geier und warteten, dass wir vom Schlachter ab und zu ein kleines Klümpchen Mett zugereicht bekamen. Etwa 2 Pfund Mett formte der Schlachter zur Kugel und warf es dann mit dumpfen Plopp in die 50cm hohe Röhre der Mettwurstmaschine. Hier durften wir Kinder auch schon mal ran und die Maschine drehen. Durch das Drehen schob sich ein Teller in die Röhre und das Mett wurde durch das Endrohr in den Kunst – oder Naturdarm gedrückt. Die fertige Wurst wurde oben mit einem Bändchen und Öse versehen und auf ca. 1,30 m lange Besenstiele gehängt (Wurstespeele genannt).Neben der Schlacke (Naturdarm) und zwei Filster (die beiden getrockneten und zusammengenähten Zwerchfelle) hatten wir noch etwa 18 Mettwürste in Kunstdarm. Die Vorder- und Hinterschinken kamen erst mal im Keller in einen Steinbottich in die Salzlake (Söhle genannt). Im Frühjahr wurden die Schinken in einen Kopfkissenbezug gesteckt und in die Sonne gehangen. Mit dem Selbstgeschlachteten, die geernteten Kartoffel und Getreide waren wir in vielen Dingen in der schlechten Zeit 1945 bis 1948 Selbstversorger.

Adolf Cordes